Beschlussvorlage - 0461/2004
Grunddaten
- Betreff:
-
EU-Wettbewerb "Brennstoffzellen-Wasserstoffantrieb"
- Status:
- öffentlich (Vorlage abgeschlossen)
- Vorlageart:
- Beschlussvorlage
- Federführend:
- FB69 - Umweltamt
- Bearbeitung:
- Fred Weber
- Beteiligt:
- FB61 - Stadtentwicklung, -planung und Bauordnung
Beratungsfolge
| Status | Datum | Gremium | Beschluss | NA |
|---|---|---|---|---|
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●
Erledigt
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Umweltausschuss
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Vorberatung
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29.06.2004
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●
Erledigt
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Bezirksvertretung Haspe
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Vorberatung
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07.07.2004
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●
Erledigt
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Rat der Stadt Hagen
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Vorberatung
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15.07.2004
|
Sachverhalt
1. Auftrag:
Die BV-Haspe hat die Verwaltung
beauftragt, zusammen mit der Hagener Straßenbahn zu prüfen, ob sie sich in
Zukunft an dem EU-Wettbewerb beteiligen will, Busse mit
Brennstoffzellen-Wasserstoffantrieb einzusetzen.
2.
Anspruchsvolle Umweltstandards im ÖPNV-Wettbewerb
Die
fossilen Energiereserven der Welt, wie Erdgas und Erdöl, sind begrenzt. Zur
langfristigen Sicherung der Mobilität ist es erforderlich, neue Energieträger
als Treibstoff zu finden. Auf Grund seiner positiven Umwelteigenschaften
spricht hierbei Vieles für den Energieträger Wasserstoff. Für die Zeit bis zur
Serienreife dieser neuen Antriebstechnik 2010/ 2015 ist es jedoch erforderlich,
die durch den Verkehr erzeugten Emissionen nachhaltig zu reduzieren. Dies
trifft insbesondere auch auf den Öffentlichen Nahverkehr in Hagen zu, der
gemeinsam mit dem LKW-Verkehr als Hauptverursacher für die hohen
Stickstoffdioxidkonzentrationen im Stadtgebiet verantwortlich ist.
- Brennstoffzellen/Wasserstoff-Antrieb
Im Rahmen eines europaweiten
Förderprogramms mit der Bezeichnung CUTE (Clean Urban Transport
für Europe) erproben 9 europäische Städte, darunter Stuttgart und
Hamburg, mit jeweils 3 Brennstoffzellen-Bussen der Firma Daimler-Chrysler die
Chancen und
Möglichkeiten des
Wasserstoffantriebes im städtischen Nahverkehr. Das CUTE-Projekt wurde im Jahre
2001 initiiert und wird im Jahre 2005 enden. Es wird gefördert von der
Europäischen Union und dem Ministerium für Wirtschaft und Arbeit. Ziel des
Projektes ist es,
Wasserstoff als emissionsfreien, und
damit umweltfreundlichen Treibstoff im öffentlichen Personennahverkehr zu
etablieren, eine Infrastruktur für den Wasserstoffkreislauf zu entwickeln sowie
mit der Technik der Brennstoffzellen-Busse unter verschiedenen topografischen,
klimatischen und verkehrlichen Bedingungen Erfahrungen zu sammeln. Auf der
Grundlage der Forschungsergebnisse plant die Firma Daimler-Chrysler, die
Technologie weiter bis hin zur Serienreife zu entwickeln. Dies ist allerdings
nicht vor 2010/2015 zu erwarten.
Die Hagener Straßenbahn AG verfolgt
dieses Projekt sehr intensiv, wobei sie allerdings keine Möglichkeit sieht, sich
hier direkt zu beteiligen, da für den Testbetrieb der Kreis der beteiligten
Städten geschlossen ist (siehe Anlage 1).
- Biodiesel-Antrieb
In der Zwischenzeit wurde
die konventionelle Dieselantriebstechnologie in Hagen im Hinblick auf
Abgaswerte und Verbrauch optimiert und bot in der Übergangszeit aus Sicht der
Straßenbahn eine sinnvolle und wirtschaftliche Alternative. So ist die
Umrüstung der Omnibusse der Hagener Straßenbahn AG auf Rapsöl-Methylester
(BIODIESEL) weitgehend abgeschlossen. Bis auf wenige Altfahrzeuge, die in
nächster Zeit ausgemustert werden, fahren sämtliche Busse mit
Rapsöl-Methylester (siehe Anlage 1). Alle umgerüsteten Fahrzeuge besitzen
entweder einen Oxidations-Katalysator oder ein CRT-System. Diese Kombination
aus Oxidationskatalysator und Partikelfilter setzt einen nahezu schwefelfreien
Dieselkraftstoff voraus. Mit der Umstellung auf Biodiesel wurde dem insoweit
Rechnung getragen. Das System minimiert – mit Ausnahme der Stickoxide
– alle gesetzlich limitierten Schadstoffe.
Die ab dem Jahre 2005 bzw.
2008 geltenden Standards Euro 4 bzw. Euro 5 erfordern jedoch zusätzliche
Maßnahmen zur Abgasnachbehandlung. Auf der CRT-Technologie aufbauend hat Volvo
mit dem sog. VEC-System eine Kombination von CRT und Abgasrückführung (AGR) entwickelt,
die bereits serienreif ist. So kann auch
die Emission von Stickoxiden (NOx) signifikant reduziert werden. Als
Alternative bietet sich das SCR-Verfahren (Selective Catalytic Reduction) an,
das als Kombination von CRT und SCR (SCRT) mit Ammoniumcarbanat als
Reduktionsmittel bereits erfolgreich in Linienbussen erprobt wird. Hierbei
werden unerwünschte Stickoxide mittels Katalysatoren in Stickstoff und Wasser
umgewandelt.
Im Rahmen des
Demonstrationsprojektes[1]
“Anspruchsvolle Umweltstandards im ÖPNV-Wettbewerb”, an dem auch
die Hagener Straßenbahn AG teilgenommen hatte, haben die Berliner
Verkehrsbetriebe, nachdem sie in den letzten Jahren ihre Busflotte ebenfalls
zum großen Teil mit CRT-Filtertechnik ausgestattet hatten, 25 Fahrzeuge des
schwedischen Herstellers Volvo angeschafft und zusätzlich mit einer
Abgasrückführung ausgerüstet. Damit lassen sich erstmals die strengen
Anforderungen von Euro 5 (Jahr 2008) und des EEV-Standards[2]
unterbieten.
Erdgas-Antrieb
Die Stadtverkehrsgesellschaft
Frankfurt (Oder), die ebenfalls erfolgreich an dem Wettbewerb teilgenommen
hatte, setzte dagegen auf den Einsatz gasbetriebener Fahrzeuge. Der Vorteil
beim Gas ist, dass eine aufwendige Abgasnachbehandlung entfällt. Tabelle 1 auf
der nachfolgenden Seite zeigt eine Gegenüberstellung der zertifizierten
Emissionswerte der Erdgasbusse der Stadt Frankfurt (Oder) im Vergleich zum Euro
3 und EEV-Standard.
Tabelle 1:
Gegenüberstellung Emissionswerte
|
|
Euro 3 |
EEV |
Ist-Werte |
|
|
Niederflurlinien-bus |
Niederflurgelenk-bus |
|||
|
Kohlenmonoxid |
5,45 |
3,00 |
0,12 |
0,11 |
|
Nicht-Methan-CH |
0,78 |
0,4 |
0 |
0,02 |
|
Methan |
1,6 |
0,65 |
0,02 |
0,04 |
|
Stickoxide |
5,0 |
2,0 |
0,36 |
1,86 |
|
Partikel |
0,16 |
0,02 |
0,01 |
0,0022 |
Der Vergleich verdeutlicht, dass
bereits heute durch den Einsatz von Gasbussen (Niederflurlinienbus und
Niederflurgelenkbus) die Standards Euro 3 und EEV sehr deutlich unterschritten
werden können.
Die Hagener Straßenbahn AG
sah bislang keine Möglichkeit für den Einsatz von Erdgasbussen. Begründet wurde
dies in erster Linie damit, dass eine Umstellung auf Gas erhebliche
Investitionen in eine neue Infrastruktur erfordert und dass die
erdgasbetriebenen Fahrzeuge teuerer sind.
So werden die
durchschnittlichen Mehrkosten für die Anschaffung eines Erdgasfahrzeuges
gegenüber einem gleichwertigem Dieselfahrzeug mit 25.000,- bis 35.000,- €
beziffert. Nach Aussagen von MAN[3]
bezieht sich der Unterschied allerdings auf einen Erdgasbus im EEV-Standard im
Verhältnis zu einem Euro 3 Dieselbus. Gegenüber einem Dieselbus im EEV-Standard
und bei höheren Stückzahlen würde der Preisunterschied – wenn er überhaupt besteht –
jedoch erheblich geringer ausfallen.
Bewertung:
Die dichte Aufeinanderfolge der
EU-rechtlichen Vorgaben hinsichtlich Euro 4 (2005) und Euro 5 (2008) lösen
kurzfristig Nachbesserungen für die Busflotte bei der Hagener Straßenbahn aus
(siehe Anlagen 2 und 3). Mehraufwendungen entstehen insbesondere dann, wenn dem
Lufteinhalteplan entgegenkommend ein Vorziehen der Investitionen erfolgt. Diese
Finanzierungsmehraufwendungen müssten durch die Landesförderung aufgefangen
werden.
Dabei ist es zunächst ohne Belang,
ob dies mit konventioneller Dieseltechnologie, einschließlich der
erforderlichen Abgasnachbehandlung, erfolgt oder durch die Anschaffung
gasbetriebener Stadtbusse. Entscheidend
ist vielmehr, dass eine Umrüstung der Hagener Busflotte auf den Euro 5 bzw.
EEV-Standard (Enhanced Environmentally Friendly Vehicle) forciert wird, da
bereits heute die Grenzwerte für den Gesundheitsschutz in Hagen überschritten
werden. So beträgt der durch das Landesumweltamt ermittelte Jahresmittelwert
2003 für Stickstoffdioxid (NO2) am Graf-von-Galen-Ring 66 µg/m³. Der
EU-Grenzwert von 40 µg/m³, der bis zum Jahre 2010 eingehalten werden muss, wird
an der Station also deutlich überschritten und führte letztlich zur Aufstellung
eines Luftreinhalteplanes in
Hagen.
Durch die bisherigen
Maßnahmen (Umstellung auf Biodiesel und Einsatz von Partikelfiltern) können
zwar die Partikel-, Kohlenwasserstoff- und Kohlenmonoxid-Emissionen deutlich reduziert werden. Durch den
parallelen Einsatz des Oxidationskatalysators werden die Stickoxidemissionen
jedoch erhöht. Insoweit wirken die bisherigen Maßnahmen im Hinblick auf die
Einhaltung des Grenzwertes für Stickstoffdioxid kontraproduktiv.
Speziell am Graf-von-Galen-Ring ist
der ÖPNV emissionsseitig mit einem Anteil von ca. 3,4% am gesamten
Verkehrsaufkommen (bezogen auf den Schwerlastverkehr mit mehr als 50%) an der
hohen NO2-Belastung beteiligt. Zum Vergleich: In der Corneliusstraße
in Düsseldorf[4] beträgt der
ÖPNV-Anteil ca. 0,75 % am Gesamtverkehrsaufkommen. Untersuchungen des
Landesumweltamtes ergaben, dass eine Umstellung der Düsseldorfer Busflotte auf
einen Standard von 1 g/KWh (= Euro 5
Update)[5] zu
einer deutlichen Emissionsminderung der Stickstoffdioxid-Belastung auf dem
betroffenen Straßenabschnitt führt. Insoweit
könnte durch eine vorzeitige Umstellung der Hagener Busflotte auf den
EEV-Standard ein entscheidender Beitrag zur Einhaltung des Grenzwertes für
Stickstoffdioxid am Graf-von-Galen-Ring und damit zum Luftreinhalteplan Hagen
geleistet werden.
Fazit
Bis 2005 bzw. 2010 sind die
Luftschadstoffe (Partikel bzw. NO2) drastisch zu reduzieren. Damit
der ÖPNV in Hagen seinen Beitrag dazu leisten kann, muss bei der Hagener
Straßenbahn AG eine strategische Neuausrichtung über die Nahverkehrsplanung
erfolgen, d.h. eine vorgezogene Euro 5 Umstellung sollte verstärkt Eingang in
den Leistungskatalog bei Ausschreibungen für die Fahrzeugbeschaffung finden[6]. Dies
betrifft ebenso die Fremdvergabe an Dritte, die etwa mit 25% an ÖPNV-Leistungen
in Hagen beteiligt sind (siehe Anlage 3).
Die Hagener Straßenbahn AG beschafft
seit 1996 im Rahmen der Einkaufsgemeinschaft “Rheinisch-Bergischer
Bus” ihre Busse gemeinsam mit den Nachbarunternehmen Rheinbahn,
Wuppertaler Stadtwerke, Stadtwerke Remscheid, Stadtwerke Solingen und
Verkehrsgesellschaft Ennepe-Ruhr. Innerhalb des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr
wurde bisher nicht über die Möglichkeit einer Sammelbestellung von Erdgasbussen
nachgedacht. Insofern wäre zu prüfen, inwieweit durch eine Sammelbestellung Kostenvorteile
für die Beschaffung von Bussen, die den EEV-Standard erfüllen, entstehen.
Empfehlung:
Die Serienreife Anwendung der
Wasserstoff-Technologie steht voraussichtlich erst ab dem Jahre 2010/2015 zur
Verfügung. Insoweit kann dem Empfehlungsbeschluss der BV-Haspe
Busse mit Brennstoffzellen
einzusetzen zum jetzigen Zeitpunkt nicht entsprochen werden.
Mit der Kombination aus
schwefelfreiem Kraftstoff, motorischen Maßnahmen und Abgasnachbehandelung lässt
sich bereits heute auch bei Dieselfahrzeugen der Euro 5 bzw. EEV- Standard
realisieren. Als alternatives Antriebskonzept stehen erdgasbetriebene Busse zur
Verfügung. Der Vorteil hierbei ist, dass auf eine aufwendige
Abgasnachbehandlung verzichtet werden kann. Zudem gehen von erdgasbetriebenen
Bussen deutlich geringere Lärmemissionen aus.
Die Hagener Straßenbahn AG hat
bereits in einem Gespräch dargelegt, dass grundsätzlich die Bereitschaft zu
einer vorzeitigen Umstellung auf einen besonderes umweltfreundlichen Standard
bestehen. Dies kann sich allerdings zunächst nur auf Altfahrzeuge beziehen, die
nicht mehr der 10-jährigen Bindungspflicht durch den Fördergeber unterliegen.
Bevor über die vorzeitige Einführung besonders umweltfreundlicher Standards bei
der Hagener Straßenbahn AG entschieden werden kann, ist jedoch die Frage der
Finanzierung des zusätzlichen Aufwandes zu klären. Ohne die Beteiligung eines
Partners würde dies zu einer Verschlechterung des wirtschaftlichen Ergebnisses
der Hagener Straßenbahn AG führen. Insoweit bietet es sich an, die Kosten und
Fördermöglichkeiten für die Beschaffung von besonders umweltverträglichen
Bussen im Einkaufsverbund “Rheinisch-Bergischer Bus” zu ermitteln.
Die Verwaltung und die Straßenbahn
werden einen entsprechenden Kosten- und Finanzierungsplan erarbeiten. Auf
dieser Grundlage ist zu entscheiden, ob eine vorzeitige Umstellung des
öffentlichen Nahverkehr in Hagen auf einen besonders umweltfreundlichen
Standard im Rahmen des verbindlichen Luftreinhalteplans Hagen erfolgen kann.
[1] Im März 2001 wurden vom Bundesumweltministerium Aufgabenträger und Unternehmen des ÖPNV aufgefordert aufzuzeigen, wie sie die EU-weit geltenden Lufteinhaltevorschriften in ihre Unternehmensstrategie integrieren. Finanzieller Anreiz und damit der Preis für die Gewinner waren zinsgünstige Kredite der Deutschen Ausgleichsbank für die Beschaffung umweltschonender Fahrzeuge.
[2] Enhanced Environmentally Friendly Vehicle (= besonders umweltfreundliche Fahrzeuge)
[3] Natürlich Mobil; Ausgabe 01, April 2003
[4] Wie in Hagen wird in Düsseldorf ebenfalls ein rechtverbindlicher Luftreinhalteplan erstellt.
[5] Für die Maßnahmenbewertung in Düsseldorf geht das LUA NW bei einer konservativen Betrachtung von 1g/KWh N0x aus (=Euro 5 Update). Hintergrund sind die anstehenden Korrekturen des Euro 5 Standards in Folge der europäischen Revisionsklausel.
[6] Laut Urteil des europäischen Gerichtshofes dürfen Ausschreibungen anspruchsvolle Umweltstandards vorgeben, auch wenn diese über die derzeitigen gesetzlichen Anforderungen hinausgehen.
