24.02.2005 - 12 Einbringung des Haushalts 2005
Grunddaten
- TOP:
- Ö 12
- Sitzung:
-
Sitzung des Rates der Stadt Hagen
- Gremium:
- Rat der Stadt Hagen
- Datum:
- Do., 24.02.2005
- Status:
- gemischt (Niederschrift genehmigt)
- Uhrzeit:
- 15:00
- Anlass:
- normale Sitzung
- Beratung:
- öffentlich
- Vorlageart:
- Beschlussvorlage
- Federführend:
- AdR Amt des Rates
- Bearbeitung:
- Burkhard Wehner
Wortprotokoll
Frau Grehling hält anlässlich der Haushaltseinbringung 2005 nachfolgende
Haushaltsrede:
I.
Meine Damen und Herren,
zum dritten Mal fällt mir die Aufgabe zu, den Haushalt
dieser Stadt einzubringen. Und aus den verschiedensten Gründen kann und muss
man feststellen:
Die beginnende Übung macht es nicht einfacher.
Wer mag schon freudestrahlend über die Misere der Kommunen
im Allgemeinen oder der eigenen Kommune im Besonderen berichten.
Hier hilft nur ein Spruch, jenes starke Wort Konrad
Adenauers:
“Wenn die anderen glauben, man ist am Ende, so muss
man erst richtig anfangen!”
II.
Dieser Satz gilt auch und gerade für Hagen, für unsere Stadt
mit immer noch den besten Chancen, doch zum Ziel, zu einem guten Ziel zu
finden.
Doch zunächst einmal die nüchternen Zahlen, die Ihnen
vorliegen:
Die Stadt Hagen wird nach den Planungsdaten nicht dazu in
der Lage sein, einen genehmigungsfähigen Haushalt bzw. ein genehmigungsfähiges
Haushaltssicherungskonzept vorzulegen.
Der strukturelle Ausgleich des Haushalts wird für das Jahr
2011 vorgesehen der absolute Ausgleich für das Jahr 2019.
Bis zur abschließenden Beratung des Haushalts werden wir
insbesondere die rechtlichen Rahmenbedingungen für einen möglichen Erwerb der
Forsten durch die erstarkende Tochter GIV hoffentlich geschaffen haben, um
durch eine hierdurch möglich werdende gesonderte Kapitalzuführung an den
Verwaltungshaushalt diese genannten Zeitpunkte noch einmal nach vorne zu
verlagern.
Die Verwaltung setzt alles daran, den jahresbezogenen und
den generellen Haushaltsausgleich so früh wie irgend möglich zu erreichen.
Konkret würde der Einsatz der Erlöse aus der Veräußerung des Forstvermögens
dazu führen können, dass der strukturelle Ausgleich auf das Jahr 2010
vorgezogen würde und der originäre auf das Jahr 2017.
Soweit so gut oder soweit so schlecht.
Denn wie man es auch dreht und wendet, die Genehmigungsfähigkeit
des Haushalts ist - auf der Grundlage der zumindest jetzt noch anzusetzenden
Einnahmeschätzungen und Ausgabeveranschlagungsnotwenigkeiten - nicht innerhalb
des gesetzlich vorgesehenen Zeitrahmens zu erreichen.
Eine Tatsache, die zwar durchaus in das Bild der allgemeinen
kommunalen Lage passt, aber natürlich nicht wirklich zufrieden stimmen kann.
Gleichwohl möchte ich Ihnen die allgemeinen
Rahmenbedingungen nicht vorenthalten:
Der Deutsche Städtetag umschreibt diese Rahmenbedingungen mit
den Worten:
“Finanzlage der Städte bleibt angespannt und von
Defiziten geprägt - ....
Das Gesamtdefizit der Kommunen – die Differenz
zwischen Einnahmen und Ausgaben – werde in diesem Jahr (gemeint ist 2004)
trotz stagnierender Ausgaben voraussichtlich bei 5 Milliarden Euro liegen.
Die Kassenkredite, durch die viele Städte zum Beispiel
Sozialhilfe oder Kinderbetreuung mitfinanzieren müssen, hätten Ende des dritten
Quartals (2004) einen traurigen Rekord von 19,3 Milliarden Euro erreicht.
Vor zehn Jahren lagen diese Kassenkredite bei gut 1
Milliarde Euro.
Dieser Aussage zu der derzeitigen Gesamtsituation der
Kommunalfinanzen sind allenfalls noch die Jahresverluste der
nordrhein-westfälischen Großstädte hinzuzufügen. 180 Kommunen befinden sich in
der Haushaltssicherung. 65 Kommunen haben kein genehmigtes
Haushaltssicherungskonzept.
Es ist müßig, die gesamte Debatte um die Finanzausstattung
hier bis ins Kleinste zu wiederholen. Sie alle kennen die Eckdaten:
Die oft beschworene aber gescheiterte Gemeindefinanzreform.
Eine nur langsam wieder in der Verteilung zu korrigierende
Umverteilung der Unternehmensbesteuerung, die im Vorfeld zu massivsten
Einbrüchen der kommunalen Einnahmen über die Gewerbesteuer geführt hat.
Nur damit das Ausmaß der Umverteilung deutlich wird,
gestatte ich mir den Auszug aus den Daten des hiesigen Finanzamtes zum Bereich
der Körperschaftssteuer. Während im Jahre 1999 noch weit über 61 Mio. Euro
Körperschaftssteuer zu verbuchen waren, waren es im Jahre 2002 mal gerade knapp
2,5 Mio. Euro Körperschaftssteuer, die zu entrichten waren.
Damit korrespondierte auf kommunaler Seite das Minus von ca.
30 Mio. Euro Gewerbesteuereinnahmen im Jahre 2003, das sich erst langsam wieder
umkehrt. Aber immerhin entgegen allen kommunalaufsichtlichen Unkenrufen und
Vorwürfen, die unsere Erwartungen für freie Schöpfung hielten, die
Gewerbesteuereinnahmen weisen nach oben und waren die stabile Größe unserer
Haushaltsplanung und Haushaltsrechnung 2004.
Aber auch immer wiederkehrende Neubelastungen der Kommune
mit besonderen Aufgaben oder von der Kommune dann aber tunlichst umzusetzenden
Versprechen, die von anderen Institutionen abgegeben wurden, gestalten die
Finanzlage weitestgehend düster.
Schauen wir uns die Ursachen aber darüber hinaus im
Einzelnen an, die uns auch im Vergleich der Finanzplanung des letzten Jahres so
zurückwerfen:
Und wie immer geht es um beide Tableaus, um Einnahmen und
Ausgaben.
Schnell lässt sich feststellen, dass der Haushalt der Stadt
gegenüber der alten Finanzplanung, die die genannten allgemeinen Faktoren
bereits aufgesogen hatte, im Wesentlichen mit zwei großen Minusposten überzogen
ist:
9 Mio. Einkommensteuer Minus
9 Mio. insgesamt an Minus im Bereich der Schlüssel- und Zweckzuweisung
durch das Land
Wo wir wie gesagt kein bzw. kein nennenswertes Minus
einplanen müssen, ist ausgerechnet der am heftigsten bestrittenste
Einnahmeanteil des letzten Jahres, nämlich die Summe der zu veranschlagenden
Gewerbesteuereinnahmen, die schon in 2004 sogar über dem prognostizierten
Einnahmesoll lagen.
Für die konkrete Planung des Jahres 2005 schlagen darüber
hinaus natürlich z.B. das Aufsatteln von 2 Mio. Euro Personalkosten zu, -
wohlgemerkt das Aufsatteln der Haushaltssollzahlen - sowie das Verschieben des
Konsolidierungseffektes in Höhe von 2 Mio. auf Seiten der GWH.
III
Meine Damen und Herren,
als es um die Debatte der Konsolidierung und des
Strategiepapiers ging, habe ich stets betont:
Wir werden nicht dazu in der Lage sein, immer und immer
wieder neue Belastungen abzufedern und dagegen anzusparen.
Wir schaffen mehr als man uns zutraut, aber das mit den
Wundern überlassen wir der bekannten Automarke.
Obwohl:
Mutet es nicht schon verblüffend an, dass es uns gelungen
ist, das bereits in 2004 eingetretene Minus der Einkommensteuer für das
strukturelle Defizit des Jahres 2004 folgenlos zu verarbeiten. Anders
ausgedrückt, diese 9 Mio. Euro sind für das Jahr 2004 erwirtschaftet. Sie sind
ebenso erwirtschaftet, wie das Mehr an Personalkosten gegenüber der
Haushaltsplanung!
Das Jahresrechnungsergebnis des Jahres 2004 schließt im
IST-Ergebnis mit dem vorhergesagten SOLL-Ergebnis ab!
Wir haben es also geschafft, von einem strukturellen Defizit
in 2003 von 117 Mio. Euro wieder herunterzukommen auf 84 Mio. Euro - punktgenau
zu landen.
Natürlich kann man nicht behaupten, das alles läge nur an
der guten Planaufstellung.
Manche Minderausgabe lässt sich zu Beginn einer
Haushaltssicherung noch nicht zwingend vorhersehen. Mehreinnahmen, etwa im
Bereich Derivate, also im Bereich aktives Schuldenmanagement in der
überzeugenden Summe von 1,5 Mio. Euro, ließen sich ebenfalls nicht einplanen.
Ich sage, sie ließen sich noch nicht einplanen. Heute zeigt
sich aufgrund der Leistung der Mitarbeiter in der Kämmerei und das immer besser
aufeinander abgestimmte Verfahren mit den Banken: Wir können den Mut haben, für
die Zukunft in der Tat auf eine Verstetigung des Erfolges nachhaltig in Höhe
von 1 Mio. Euro zu setzen.
Was andere Kommunen sich teuer eingekauft haben, fängt bei
uns allein durch ein Miteinander von Mitarbeitern und Kundenservice ebenfalls
an, Früchte zu tragen. Ich finde das überzeugend und werde diesen Bereich des
Schuldenmanagements auch in Zukunft weiter unterstützen.
Aber natürlich können wir eben nicht einfach Planungszahlen
des Erfolges kreieren oder etwa in Bezug auf die Gesamtschuldensumme der Stadt
prozentual schöpfen. Von genau diesem Weg haben wir uns mit dem stringenten
Vorgehen der Konsolidierung verabschiedet. Trotzdem nutzen wir natürlich auch
unterjährig erst erreichbare Ersparnisse.
Manch einen haben solche Ersparnisse in der Vergangenheit
vielleicht dazu verleitet, sie - sagen wir mal - anderen Zwecken zuzuführen.
Sie alle kennen z.B. das Stichwort Dezemberfieber.
Dass dies ganz offensichtlich in der Stadt Hagen nicht oder
nur in untergeordnetem Maße stattgefunden haben kann, erkennen Sie nochmals an
den eingangs genannten Zahlen zum Rechnungsergebnis 2004.
Dass das angepeilte Jahresergebnis trotz aller Sonderlasten
gehalten werden konnte, liegt unzweifelhaft auch an der Disziplin der
Verwaltung und Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die eben nicht dem alten
Prinzip: “Weiter so” gefolgt sind.
Sie haben vielmehr in der Verantwortung auch zur
finanziellen Kompetenz dieser Stadt ihre Aufgaben motiviert und leistungsstark
erbracht,
allen Diskussionen zum Trotz, und ganz entgegen des gerne
öffentlich diskutierten Eindrucks der Verwaltung.
Ihnen allen gilt mein Dank und ich bin sicher, nicht nur der
meine, sondern insgesamt der Dank dieses Rates.
IV.
Wir haben, meine Damen und Herren, mit dem Erreichen der
Marke 2004 ein erstes Ziel der Strategie zur Wiedererlangung finanzieller Handlungskompetenz
geschafft.
Das, was in unserer Hand lag zu steuern, haben wir
gesteuert.
Das, was in unserer Hand lag zu erreichen, ist erreicht
worden.
9 Mio. Euro Konsolidierungsvolumen nachhaltig sind
erwirtschaftet worden. Von 5 Mio. Euro unbedingter Vorgabe und knappen 11 Mio.
Euro erhofften, ein sicherlich ordentlicher Schnitt, zumal wenn man bedenkt,
dass einiges an Konsolidierungsvorgabe durch Zeitverzögerung etwa bei der
Arbeitsfähigkeit der GWH nicht verwirklicht werden konnte.
9 Mio. Euro durch gezielte, geplante und controllte
Maßnahmen markieren einen neuen Weg der städtischen Konsolidierung, einer
berechenbaren und transparenten Konsolidierung, die – auch darauf lassen
Sie mich verweisen – durchaus beispielhaft und von anderen Kommunen als
Weg aufgegriffen worden ist.
Dieser Weg wird auch in Zukunft unser Weg sein!
Das bedeutet, auch das werden Sie den Unterlagen entnehmen
können,
z.T. haben Sie es auch schon aufgrund öffentlicher
Diskussionen zumindest ansatzweise nachvollzogen:
Das Konsolidierungsziel von 57 Mio. Euro nachhaltig bleibt
bestehen!
Dies ist ohne wenn und aber der einvernehmliche
Leitsatz der Verwaltung!
Es gibt kein Zurück in Bezug auf die Sparbemühungen und in
Bezug auf das Strategiekonzept der Stadt!
Der manchem allzu mühsam erscheinende Weg, Konsolidierung
über ein konkretes und vielschichtiges Maßnahmenpaket zu erreichen, ist und
bleibt ohne Alternative!
Die Zeiten eines Glücksloses oder eines überwältigenden Veräußerungsgewinnes, eines bombastischen
Inhousegeschäftes zur Haushaltskonsolidierung oder doch zur beachtlichen
Verschiebung anstehender Haushaltsbelastungen sind vorbei.
Weder steht uns Vermögen in ausreichender Höhe zur
Verfügung, das einfach so aktivierbar wäre, noch wäre sein nachhaltiger
Einsatz möglich.
Wenn es nicht gelingt, die Schere zwischen Ausgaben und
Einnahmen zu schließen, beides zusammenzuführen, kann auch Vermögensaktivierung
nicht zum Ziel der dauerhaften haushaltsmäßigen Gesundung führen. Überhaupt
sind – ungeachtet der Frage, ob gewollt oder nicht gewollt – auch
die noch alten Streitern so vertrauten leistungsstarken
“Nebenhaushalte” nicht mehr denkbar.
Die mächtigen Tochterkonzerne, die die Aufgaben der Mutter
Stadt in grenzenloser Weise übernehmen könnten, “sind nicht mehr so zahlreich”.
Viele stehen selbst unter erheblichem Konsolidierungsdruck.
Aber das bedeutet nicht, dass wir daraus ableiten könnten
oder müssten, die Töchter wären gar nicht mehr dazu in der Lage, sich an der
Konsolidierung der Stadt zu beteiligen.
Deshalb werden Sie auch feststellen, dass das hier im Rat
der Stadt Hagen mit Mehrheit beschlossene Strategiekonzept keinen Abstrich in
Bezug auf die Konsolidierungsunterstützungen durch die Tochtergesellschaften
der Stadt erfahren hat.
Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Realisierung
entsprechender Vermögensgewinne zugunsten der Stadt nicht zu den einfachsten
Übungen zählen wird. Umstrukturierungen größeren Stils werden sich vielleicht
nicht vermeiden lassen.
Ein neues Denken, ein über den Tellerrand der einzelnen
Gesellschaft hinausgehendes Miteinander, wird zwingend sein. Ein effektiveres
Beteiligungscontrolling wird zum Tragen
kommen müssen. Denn das sei zugestanden, hier ist deutlicher Nachholbedarf.
Controlling darf von dem Ausübenden, aber auch von dem Betroffenen nicht nur
als Kontrolle oder Gefahr verstanden werden. Beratung, Begleitung, Vernetzung,
oder wie sagt man so schön, das Heben von Synergien muss erkennbar werden.
Manchmal ist es schon “nur” eine Frage der
Kommunikationsbereitschaft und Kommunikationsfähigkeit. Tochtergesellschaft zu
sein oder zu werden, bedeutet nicht wie im Falle der großjährigen Kinder erst
einmal alles eigenständig zu erledigen. In einem so großen Konzern ist es für
den Grundsatz der Wirtschaftlichkeit von
zentraler Bedeutung, nicht nur die Eigenständigkeit zu leben, sondern in
gemeinschaftlicher Verantwortung zu handeln.
Damit spiele ich nicht nur darauf an, dass manches
kurzfristige Profit-Geschäft für den Gesamtkonzern vielleicht nicht profitabel
ist. Damit spiele ich auch darauf an, dass bereits die bloße Unkenntnis
einzelner Entscheidungen der Organe des großen Konzerns, eher die hausgemachte
Konkurrenz und nicht gegenseitige
Win-win Situationen befördert.
Mitunter ist man allein auch durch eine Änderung der tatsächlichen
Sach- und Rechtslage dazu gezwungen, bereits eingeleitete Planungen zumindest
erneut zu hinterfragen. Denken wir etwa an die Thematik Eingliederung der GIV
in die HVG. Hier werden wir alsbald eine mit den Gesellschaften abgestimmte
Vorlage zum Vorschlag des weiteren Vorgehens unterbreiten.
Insbesondere steuerrechtliche Vorgaben beinhalten ein großes
Risiko im Spielfeld des Outsourcings oder Verknüpfens der
Gesellschaftsstrukturen. Hier ist Lehrgeld gezahlt worden. Und in unseren
Zeiten ist Lehrgeld immer zuviel gezahltes Geld. Auch das spricht für das
Einkaufen zusätzlicher Kompetenz, um die immer wieder effektivste Form der
Verknüpfungen innerhalb unseres Konzerns zu finden.
Damit können wir Risiken nicht absolut ausschließen, und wir
werden ebenso wenig wie andere Unternehmen einen hundertprozentigen Ausschluss
von Fehlern prophezeien oder garantieren können. Aber wir werden die Chance
haben und uns erarbeiten, das Beste für alle zu nutzen.
Wie viel Potenzial hier liegt, zeigt die neue Kreativität
der GIV, die neue Kompetenzen erarbeiten will und den Weg der
Haushaltskonsolidierung als Chance begreift und offensiv angeht.
Meine Damen und Herren,
das Kapitel Beteiligungen und wirkliche Realisierbarkeit der
hier eingebrachten Vorschläge war ein Kapitel im Buch des Strategiekonzeptes,
das gerne diskutiert wurde. Natürlich gab es darüber hinaus ein weiteres Bündel
von Maßnahmen, das hinterfragt und bezweifelt und nicht unbedingt mit den
freundlichsten Worten bedacht wurde.
Und dennoch, auch jetzt hält die Verwaltung - wiederum
einvernehmlich - an eben diesem Bündel im Wesentlichen fest, mit einer Ausnahme
– auch einvernehmlich -:
Im Bereich der Kinderbetreuung wurden die Maßnahmen –
soweit sie nicht der demographischen Entwicklung zuzuordnen waren – aus
dem Strategiekonzept gestrichen. Sie werden also auch hier keine
Entscheidungsvorschläge mehr zur Realisierung erhalten.
Aber unter der genannten Prämisse, dass an dem Sparziel und
dem Ziel der Haushaltsgesundung festgehalten wird und mit Rücksicht auf die
weiteren wegbrechenden Maßnahmen, sind wir gezwungen, auch die dahinter
stehende Konsolidierungssumme in Höhe von ca. 3,4 Mio. zu ersetzen. Wir haben
insgesamt die entstandene Lücke noch nicht komplett geschlossen, sind darauf
angewiesen diese in dem fortgeschriebenen Konzept auch ausgewiesene Summe
– wie in der Lenkungsgruppe dargestellt – mit Ersatzmaßnahmen im
Laufe der Beratung zu kompensieren.
Natürlich müssen wir realisieren: Maßnahmen zur
Konsolidierung sind nicht unendlich schöpfbar, erst recht nicht solche, die
niemand schmerzlich spüren könnte.
Vor diesem Hintergrund bitte ich auch den konkreten
Vorschlag zum Ersatz der Konsolidierungssumme Kinderbetreuung zu bewerten. Wir
schlagen mit einer angesetzten Summe in Höhe von ca. 3,2 Mio. Euro Maßnahmen im
Bereich der Zweitwohnsitzsteuer vor.
Wenn ich das so formuliere, wissen Sie, hier geht es nicht
nur um die bloße Belastung der Zweitwohnung, sondern auch bereits um die Frage,
ob die Umwandlung eines Zweitwohnsitzes in einen Erstwohnsitz gelingt.
Die Idee ist nicht neu, sondern insbesondere aus den
Universitätsstädten bekannt.
Nichts für uns, weil wir “nur”
Fern-Universitätsstadt sind? Wir sind der Überzeugung: Doch! Die Vielzahl der
sonstigen Weiterbildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten und schlicht die Zahl
der Zweitwohnsitze zeigen, wir können diesen Weg nutzen.
Nur die Hälfte der Zweitwohnsitze umgemeldet in einen
Erstwohnsitz stehen für ca. 2,8 Mio. Euro an Mehreinnahmen durch die Erhöhung
der der Kommune zufließenden Schlüsselzuweisung.
Den Begleiteffekt, durch diese Maßnahme auch schon
statistisch dem demographischen Wandel unserer Stadt entgegenwirken zu können,
kann man sicher ertragen.
V.
Aber meine Damen und Herren,
wir alle sind uns im Klaren, dass der demographische Wandel
mehr ist als eine statistische Aufgabe.
Demographischer Wandel ist mehr als “nur“ der
mögliche Wandel einer Stadt in Ansehung ihres Flächenverbrauchs oder der Zahlen
ihrer Einwohner einschließlich möglicher Rückschlüsse auf die Mitarbeiterzahl
ihrer Verwaltung.
Der demographische Wandel ist nicht nur eine Herausforderung
für ein zu entwickelndes Erscheinungsbild einer Stadt. Dabei wäre das schon
genug.
Als Kämmerin kann ich gar nicht anders, als mit allem
Nachdruck darauf hinzuweisen, dass das Schrumpfen einer Stadt zumindest eins
nicht ist:
nämlich das finanzielle Gesundschrumpfen einer Stadt.
Weniger Einwohner heißt nicht automatisch weniger
Flächenverbrauch !
Weniger Einwohner heißt nicht automatisch weniger
Infrastruktur !
Weniger Einwohner heißt nicht automatisch Reduzierung
kostenträchtiger Serviceangebote !
Aber ganz bestimmt und ganz automatisch bedeuten weniger
Einwohner weniger Einnahmen für die Kommunen.
Geringere Schlüsselzuweisungen, geringere Steuereinnahmen,
bei gleichbleibenden Ausgaben in der Unterhaltung sozialer Infrastruktur und
Versorgungseinrichtungen sind das Fazit.
Wer dem Schrumpfungsprozeß zusieht, sieht einem
spiralenförmigen Prozess einer sich beständig verschlechternden Haushaltslage
zu. Die zunehmend schwächer werdende finanzielle Leistungskraft würde zu immer
neuen Sparzwängen führen, die ihrerseits alles andere als
attraktivitätssteigernd wären.
Was für einige vielleicht eine Vision der regionalen Siedlungsstruktur mit der Rückgewinnung bestimmter Wohnqualitäten ist, ist für den Praktiker ein Szenario, das sich ganz gewiss nicht mit dem Bild einer leistungsstarken und zukunftsfähigen Kommune verträgt.
Das wiederum zwingt zum Handeln!
Leider muss man natürlich auch hier feststellen: Von nichts
kommt nichts.
Zwar ist es richtig, dass nicht alle Maßnahmen, die zur
Förderung einer attraktiven im kommunalen Wettbewerb bestehenden Stadt
erforderlich sind, nur Geld kosten. Aber umsonst geht es nicht. Der
Erfolg ist vorleistungspflichtig. Ohne Einsatz kein Gewinn.
Lassen Sie mich nur einige wenige Punkte herausgreifen:
Das Einstellen auf die Migrations-Zukunft der Stadt.
Maßnahmen zur Gewinnung einer neuen oder besseren
Familienfreundlichkeit, vom Wohnumfeld bis zur Kinderbetreuung.
Maßnahmen natürlich zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bzw.
zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen.
Bereits dies macht klar, welcher kommunale Mitteleinsatz
hier erforderlich wird.
Es wird aber auch einmal mehr deutlich, dass die Kommune als
kleinste und doch zentralste Einheit inmitten eines demokratischen Gefüges
wieder zentrale Aufgaben übernommen hat oder ausfüllen muss, die zumindest in
wesentlichen Teilen eher der Verantwortung von Land und Bund unterstehen.
Arbeitslosigkeit z.B. ist und bleibt ein nicht lokal zu
bewältigendes Thema.
Und es bleibt nur zu hoffen, dass Hartz IV auch mit Blick
auf die kommunalen Finanzen keine Luftblase wird.
Wenn immerhin schon der Bundesfinanzminister anerkennt, dass
die Kommunen auf jeden zugesagten Cent des sog. Hartz-Geldes angewiesen sind,
will dies schon einiges besagen.
Natürlich ist die Gefahr groß, dass jeder geschwächte
öffentliche Haushalt ein Stück vom Kuchen abhaben möchte, und die Sorge des
Bundesfinanzministers ist wohl weniger der kommunalen Nächstenliebe zuzuordnen,
denn zuwenig Geld bei den Kommunen bedeutet eigentlich Nachzahlungspflicht des
Bundes über die sog. Revisionsklausel.
Wenn aber die Sorge um den Bundeshaushalt auch den
Kommunalhaushalt stärkt, um so besser.
Normalerweise ist ein solcher Sachzusammenhang ja kaum zu
erkennen.
Viel beliebter ist nach wie vor das Spiel, Versprechen,
Aufgaben verteilen – und andere - sprich die Kommunen - machen und
bezahlen lassen.
Da helfen alle Konnexitätsprinzipien nichts, wenn die
Berechnungsgrundlagen nicht stimmen oder schlicht die bereits entstandenen
finanziellen Lasten der Kommunen übersehen werden.
Was nutzt es z.B. einer Stadt wie Essen bei einem erreichten
Defizit 2004 von mehr als 1 Milliarde Euro, wenn man ihr sagt, eventuelle
Gewinne aus Hartz IV könnten dann zur Kostendeckung der angestrebten
Verbesserung der Kinderbetreuung bzw. der Ganztagsschule eingesetzt werden.
Unabhängig davon, dass wir – wir Kommunen, auch Hagen
- diese Gewinne gerne erst einmal hätten und wir es für wenig seriös halten,
hierauf im großen Stil unsere Planungen aufzubauen:
Diese Art der Rechnung geht nicht auf, wenn die Kommunen der
Konsolidierungsfalle weiterhin entkommen sollen. Manche Stadt wird nur noch
konsolidieren mit dem Erfolg, die Zinsen der Schulden der Vergangenheit tragen
zu können. Will man dies für die Kommune vermeiden, dann darf man
den überfälligen finanziellen Ausgleich bereits übertragener
Aufgaben nicht dazu nutzen, wiederum neue Pflichten zu begründen
Niemand kann und will gewünschte oder gar erforderliche
Entwicklungen aufhalten, aber die Übernahme der jeweiligen
Kosten-Verantwortlichkeiten wäre ein dazu passendes Gebot.
Ich verweise auf das Beispiel offene Ganztagsschule. Hier
zeigen die Erfahrung und zeigt das Engagement der Beteiligten, dem Grunde nach
ist die Ganztagsschule ein guter Einstieg. Aber es zeigt sich auch, dass die
Sorgen hinsichtlich der finanziellen Ausstattung berechtigt waren.
Eine Vorlage hinsichtlich dieser Erfahrungen wurde Ihnen
bereits zugeleitet. Sie beschreibt ein zu erwartendes Defizit in den
Folgejahren in Höhe von ca. 800.000 Euro, wenn nicht das Land hier eine
anteilige Verwendung der Förderung auch in Bezug auf die Personal- und
Betreuungskosten zulassen wird.
Meine Damen und Herren, wir können uns viele Verbesserungen
und Erweiterungen des Modells der Ganztagsschule heute vorstellen. Noch mehr
Verbindungen zur Abteilung Sport oder auch zu Fragen der Kunstbildung –
gerade in der Stadt eines Emil Schumacher Museums – würden sich
sicherlich gestalten lassen und wären wünschenswert.
Wir werden auch Mittel und Wege suchen, um möglichst viel
realisieren zu können, aber ich muss darauf hinweisen:
Die kommunale Schulfinanzierung kann nicht der richtige Weg
sein!
VI.
Der Hinweis, meine Damen und Herren, Emil Schumacher Museum
ist gefallen.
Und Sie geben mir sicher recht, dass es auch hier und jetzt
richtig ist, dieses besondere Vorhaben der Stadt, in Hagen und für Hagen hervorzuheben.
Wir haben lange für dieses Vorhaben geworben. Die Geschichte
ist ebenso lang und ich glaube, das lässt sich unstreitig sagen, nicht immer
erfreulich gewesen.
Um so wichtiger war es, dass immer unerschütterliche
Streiter zu finden waren, die nicht losgelassen haben. Und ich glaube es ist
die Zeit, genau Ihnen allen auch dafür zu danken.
Die kulturelle Bedeutung des Emil Schumacher Museums ist
offensichtlich. Aber was auch in den Diskussionen immer deutlicher wurde: Trotz
der Liquiditätsbelastung des Haushalts, in der Gesamtbilanz des spätestens ab
2009 aufzustellenden doppischen Haushalts wird ein Mitteleinsatz von
gedeckelten weiteren 4 Mio. Euro für ein insgesamt mit 27 Mio. Euro bewertetes
Vorhaben eher positiv und nicht
nachteilig sein.
VII.
Es ist noch nicht die Zeit, um insgesamt auf die
haushaltsrechtlichen Auswirkungen der Einführung des Neuen kommunalen
Finanzmanagements eingehen zu können. Wir sind noch nicht so weit wie die
Modellstädte etwa Dortmund oder Münster. Wir werden unseren Haushalt frühestens
2008, in jedem Fall 2009 umgestellt haben.
Bis dahin gilt es vor allem, unser Vermögen zu bewerten, um
auch im Sinne der Doppik erstmalig im Rahmen der Berechnung des Eigenkapitals
eben dieses Vermögen in die Waagschale werfen zu können; erstmalig ohne die
Zwischenschaltung von Grunderwerbsvorgängen oder ähnlichem. Wir wissen bereits
heute, unser Vermögen wird in jedem Fall beachtlich. Erste Schätzungen hätten
unzweifelhaft bei der Fortschreibung der alten Finanzplanung in 2008 dazu
geführt, eine Überschuldung auszuschließen.
Auch unter Beachtung der neuen zu erwartenden
Kassenkreditlage sollte dies trotz aller erforderlichen Abschreibungspflichten
und Rücklagenbildungen zumindest ab 2009/2010 gelten.
Aber immerhin, die Kassenkredite werden bis dahin einen
Stand von zwischen 600 und 700 Mio. Euro erreicht haben. Diese Zahlen sind
erschreckend, auch wenn sie nicht überraschen können.
Das Anwachsen der Kassenkredite korrespondiert notwendig mit
dem jeweiligen strukturellen Fehlbedarf. So lange der strukturelle Ausgleich
nicht erreicht werden kann, muss zur finanziellen Vorleistung und auch zur
Abdeckung des dauerhaften Aufgabenbedarfs der Kassenkredit zur
Liquiditätsschöpfung herhalten.
Und diese Altlasten werden natürlich im Rahmen der
Umstellung auf das neue kommunale Finanzmanagement nicht verschwinden, sondern
“nur” neu gewichtet. Denn nicht nur diese Schulden werden zum
entscheidenden Zeitpunkt in die Waage des kommunalen Haushalts geworfen,
sondern auch das gesamte Vermögen von den Immobilien über die Straßen und
Museen und Bilder, all dies wird relevant. Und genau dies gibt uns Hoffnung,
auch mit diesem Vermögen, diese neue Waagschale der haushaltsrechtlichen
Bilanzierung vielleicht sogar wieder in das Gleichgewicht bringen zu können.
Das Neue kommunale Finanzmanagement, dessen Einführung nicht
nur einen großen Sachaufwand verschlingt, sondern auch unseren Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern einen enormen Umstrukturierungsdruck aufzwingt, wird beileibe
keine Gelddruckmaschine sein.
Aber es wird neue Bewertungen zulassen und damit vielleicht
ein neues Licht in der Debatte um die finanzielle Handlungsfähigkeit der Stadt
anzünden.
Und wie sagt Konfuzius: “Es ist besser, ein einziges
kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen”!
VIII.
Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren,
Lassen Sie mich diesen Satz des Konfuzius mit noch einigen
Vergleichen hinterlegen:
Mülheim: Haushaltsausgleich derzeit nicht absehbar
Gladbeck: struktureller
Ausgleich 2012
Umfassender
Ausgleich 2024
Gelsenkirchen: gerade noch im Haushaltssicherungskonzept und
jetzt wie Hagen in der Planung zum strukturellen Ausgleich 2010 ohne Angaben
zum umfassenden Ausgleich
Oberhausen: 2013
struktureller Ausgleich
Umfassender Ausgleich
2022.
Sicher, es gibt also besser positionierte Kommunen als
Hagen, aber es gibt offensichtlich auch eine ganze Menge, denen es ähnlich geht
und es gibt sogar mehrere, denen es schlechter geht.
Hagen bildet nicht das Schlusslicht der Karawane und oder
teilt sich den letzten Platz haushaltsrechtlich gesehen etwa nur mit bekannten
Städten wie Oberhausen.
Konsolidierung lohnt sich also, muss sich lohnen. Denn
Konsolidierung ist kein Selbstzweck. Konsolidierung bedeutet wieder auf neue
Freiräume hin zu arbeiten. Und die Ernsthaftigkeit der Konsolidierung bleibt
auch Voraussetzung für kommunalaufsichtliche Zugeständnisse – übrigens
auch in Bezug auf Möglichkeiten der internen Personalentwicklung.
Konsolidierung heißt auch Chancen bewahren im kommunalen
Wettbewerb.
Und hier wird das Licht des Konfuzius vielleicht noch
heller.
Denn es fügt sich, dass ausgerechnet jetzt Hagen auf ganz
besondere Wurzeln der Vergangenheit trifft.
Wie oft wurde beklagt, dass so viel aus der Tradition Hagens
durch den Krieg zerstört wurde, dass Hagen nicht organisch gewachsen sei, kein
Stadtgefühl, kein Wir-Gefühl wie andere Städte Münster oder – was liegt
näher für mich als der Vergleich Köln – entfalten kann.
Andere haben die Kö, das Münster, eine Altstadt, ein
Industriemuseum, Zechensiedlungen oder eben auch den Dom.
Und Hagen? Hagen hat nicht nur Baussubstanz aus den
verschiedensten Epochen. Hagen hat nicht nur ein Freilichtmuseum, eine
Fernuniversität und ein Theater und bald ein Emil Schumacher Museum.
Hagen hat, so scheint es von Tag zu mehr nachweisbare starke
Wurzeln der Vergangenheit, Bodenschätze ganz eigener Art. Die Geburt der Neuzeit des Menschen an sich
wird hier womöglich lebendig. Und eine starke Vergangenheit steht für eine
starke Zukunft.
Ein Ziel mehr tut sich auf. Und wieder wird eine Chance
erkennbar für eine starke Stadt. Ein langer Weg liegt vor uns, aber am Ende
wird es schon sichtbar, es ist ein lohnender Weg, der uns durch die eigenen
Anstrengungen und das Erkennen unserer eigenen Stärken führt. Und am Ende einer
Haushaltsrede kann und sollte man das Wort lohnend auch für bare Münze nehmen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
