04.09.2025 - 5 Gehörlosenberatung - Mündlicher Bericht der Ber...

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Wortprotokoll

Zu diesem TOP begrüßt Kirsten Pinkvoss nochmals herzlich Claudia Seidel von der Beratungsstelle für hörgeschädigte und gehörlose Menschen in Hagen. Claudia Seidel berichtet, dass diese Beratungsstelle jetzt seit 16 Jahren mit einer halben Stelle, durch sie besetzt, in Hagen tätig ist. Entstanden sei die Beratungsstelle durch eine Anschubfinanzierung der „Aktion Mensch“. Die Beratungsstelle bietet Beratung an für Menschen mit Hörschädigungen, z.B. Tinnitus, Hörgerätetragende, CI-Tragende oder Gehörlose. Sie wird sich in ihrem Bericht heute auf die ganz gehörlosen Menschen konzentrieren. Sie ist auch Ansprechperson für die Angehörigen von gehörlosen Menschen.

Drei Plakate verdeutlichen Situationen in denen gehörlose Menschen auf Unterstützung angewiesen sind: Ein Plakat zeigt eine Behandlungssituation beim Arzt, ein weiteres eine Situation auf dem Bahnhof sowie eine Situation im Kino. Alle drei Plakate zeigen Situationen, in denen die Beteiligten auf das Hören angewiesen sind, um sich in der Situation zurechtzufinden und teilhaben zu können. Da Gehörlose aufgrund der Gehörlosigkeit das Angebot anderer Beratungsstellen wegen fehlender Dolmetscher*innen nicht annehmen können, bietet sie eine sehr umfassende Beratung in allen Lebenssituationen an, die auch sehr intime Themen beinhalten können. Darüber hinaus ist sie die einzige Beraterin und steht z. B. in Familien sowohl dem Vater, der Mutter als auch dem/den Kind/ern als Beraterin zur Seite. Dies bedeutet sowohl höchste Verschwiegenheit als auch Empathie, da der betroffene gehörlose Mensch durch diesen Umstand quasi zur*zum „gläsernen Patient*in“ wird. Sie berichtet, dass die Arbeit inzwischen auch immer mehr hörgeschädigte Kinder umfasst. Das habe in den vergangenen Jahren zugenommen. Auch habe die Beratung von gehörlosen Eltern zugenommen, die Schwierigkeiten mit den eigenen hörenden Kindern haben.

Neben der Beratungsarbeit mit den Betroffenen ist die Beratungsstelle ansprechbar für Ämter, Institutionen, Kitas, Schulen etc. Alle Lebenslagen, die (gehörlose) Menschen betreffen, werden bei ihr in der Beratungsstelle thematisiert: Von der Zeugung bis zur Bahre. Neben der Beratung wird versucht, Unterstützung zu geben/zu dolmetschen, da Gehörlose nicht durch ein einfaches Telefonat z. B. Rückfragen zu einem Antrag klären können. Auch Formulare an sich können für Gehörlose problematisch sein, da sie die hier verwendete Schriftsprache u.U. nicht gelernt haben. Durch die Beratungsstelle wird versucht, ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen. Claudia Seidel bietet eine allgemeine Sozialberatung an und ist keine Gebärdendolmetscherin. Es gibt gesetzliche Regelungen bezüglich Gebärdendolmetscher*innen, aber das Recht darauf umzusetzen, falle sehr schwer. Manchmal werden immer noch Gehörlose dazu aufgefordert, auf eigene Kosten eine*n Dolmetscher*in mitzubringen (für 45 Minuten Dolmetschen fallen 85 Euro plus Fahrtzeit und Fahrtkosten an). Trotz ihrer mehr als fünfzehnjährigen Tätigkeit in Hagen werde immer noch von außerhalb versucht, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen anstatt die Berechtigung auf eine*n Gebärdendolmetscher*in umzusetzen.

Gehörlosigkeit bedeutet eine unsichtbare Behinderung und damit verbunden ist eine enorme Ausgrenzung. Für Gehörlose geht damit eine große Verunsicherung und damit auch Misstrauen einher. Diese Ausgrenzung umfasst alle Lebenssituationen: Besuche in ärztlichen Praxen, Einkaufen, Behördengänge, etc. Das Einbinden von hörenden Kindern zum Dolmetschen hat schnell seine Grenzen: Nicht alles beim Besuch in einer ärztlichen Praxis sollte vom eigenen Kind übersetzt werden. Claudia Seidel macht darauf aufmerksam, dass gerade gehörlose Frauen häufig Opfer von Gewalt werden. Gehörlose Frauen können über diese Tat nicht reden (sprichwörtlich), dieser Umstand werde von Tätern ausgenutzt. Nach der Vorstellung ihrer Arbeit wird ein von Claudia Seidel mitgebrachter Film gezeigt.

Der Film heißt „Pitter patter goes the rain“. Er erzählt von einem jungen Mann, der durch eine körperliche Auseinandersetzung sein Gehör verliert und sich nun in seiner neuen „Welt“ zurechtfinden muss. Im Film wechseln die Perspektiven u. a. durch das Wahrnehmen von Geräuschen: Wird der Schwerpunkt der Szene auf das Erleben durch den ertaubten jungen Mann gelegt, ist wenig Ton zu hören. Liegt der Schwerpunkt auf der Sicht Hörender, kann das Publikum Töne wahrnehmen. Hierdurch werden die Einschränkungen Gehörloser auch für Hörende erfahrbar.